Nachrichten aus dem Kreisverband
Tübinger Debatte um Ehrenbürgerschaften
Stellungnahme von Stadträtin Gerlinde Strasdeit (Linke) im Ausschuss für Kultur, Integration und Gleichstellung am 11.10.2012 zum Tagesordnungspunkt Ehrenbürgerschaften (Vorlage 176a)
Seit über 10 Jahren thematisieren wir (die Tübinger Linke im Gemeinderat) die Tübinger Ehrenbürgerschaften mit NS Verstrickung.
"Ex OB Gmelin ist der einzige NS-Ehrenbürger, der unmittelbar zur Tätergruppe gehörte. Hans Gmelin hat sich selbst am Schluss seines Lebens als Teil der „Tätergeneration“ bekannt.
Ich finde, was wir seit Jahren wissen und was Hans-Joachim Lang dankenswerter Weise in journalistischer Recherchearbeit aufgearbeitet hat, - das sind gesicherte Erkenntnisse; das ist unwidersprochen und reicht völlig aus für eine politische Bewertung. Jetzt soll eine 30 Monate lange Forschungsvergabe auf den Weg gebracht werden. Weitere wissenschaftliche Erkenntnisse sind gut, nichts gegen einen Forschungsauftrag. Aber das darf nicht als Vorwand dienen, um die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Gmelin weiter rauszuzögern. Gmelin ist der, der am meisten Dreck am Stecken hat.
Verstecken wir uns nicht hinter Forschungsaufträgen. Der Tübinger Gemeinderat bleibt sonst weit zurück hinter die Weizsäcker-Rede von 1985 zum Thema Tätergeneration, wenn wir so tun, als müssten wir wissenschaftliche Arbeiten abwarten um eine politische Bewertung und Entscheidung treffen zu können. Wir befürchten: der weitere Forschungsauftrag wird vorgeschoben - aus falscher Rücksichtnahme gegenüber der lebenden Verwandtschaft. Die Entscheidung der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Hans Gmelin für weitere 30 Monate – also bis 2015 hinauszögern – d.h. bis 73 Jahre nach der Deportation und Ermordung von über 57 000 Juden aus der Slowakei - Das ist unerträglich - nicht zumutbar für die Opfer und deren Verwandtschaft und Nachkommen.
Die Zeit der parteipolitischen Rücksichtsnahmen auf NS-Ehrenbürger und auf deren lebende Verwandtschaft muss vorbei sein. Wir werden uns nicht beteiligen an einer Geschichtsaufarbeitung nach dem Motto „die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen ... ."

