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Nachrichten aus dem Kreisverband

Foto: Alexander Gonschior
Margrit Paal

Für den Erhalt subkultureller Diversität im Tübinger Nachtleben

Rede von Maggie Paal auf der Demo zum Erhalt subkultureller Diversität im Tübinger Nachtleben am 22. Juni 2019

Tübingen wächst, nicht nur dank Uni und Uniklinikum. Aber: fast 10000 Studierende mehr in den letzten 15 Jahren plus mindestens 3000 mehr Angestellte in beiden Einrichtungen müssen auch irgendwo unterkommen - und das natürlich auch nachts und im Rahmen der Freizeit.

Zu dem Wachstum der Stadt kommt der paradoxe Umstand hinzu, dass einige, auch großräumige Veranstaltungsorte in der Peripherie Tübingens aus diversen Gründen in den letzten 20 Jahren weggefallen sind.

1. Reine Wohngebiete: Panzerhalle und Guayaquil

2. Versammlungsstättenverordnung und Brandschutz: Tacko-Bar im Sudhaus

3. Nutzungszweck oder Sanierung: Bierkeller, Shedhalle oder auch der Magic Bus auf dem Schindhau

4. Teure Pacht: Zentrum Zoo

5. Auch die Mensen werden nicht mehr für Veranstaltungen genutzt.

Dass es in dem Nachtleben immer mal wieder Wechsel gibt ist eigentlich normal. Was in Tübingen aber nicht passiert ist: Erstellung von Ausgleichsorten und -flächen, also konzentriert sich das Nachleben inzwischen auf die Innen- und Altstadt.

Ich gehe selber gerne nachts aus, und es ist auch für mich frustrierend, dass es außer dem Schlachthaus außerhalb der Innenstadt kein verlässliches kommerzielles Angebot gibt. Top 10 kommt für mich selber nicht in Frage. Und das Sudhaus hat leider überwiegend Angebote für Menschen an 50 und wenn dann meistens Konzerte, die ja auch hohe Eintrittspreise haben.

Die Konzentration in der Innenstadt war vom Gemeinderat so gewollt, hat letztens eine ehemalige CDU-Stadträtin auf dem kommunalpolitischen Wahlpodium lebenswerte Stadt bestätigt. Man wollte die Feiernden aus den Wohngebieten rausholen. Nun ja, jetzt stellt sich heraus, auch die Altstadt ist ein Wohngebiet.

Auf diesem Podium wurde auch der Wirtschaftsmotor Tourismus und Märkte als Interesse von Stadt und Wirtschaft betont. Eine Erkenntnis aus diesem Podium habe ich mitgenommen: Es ist nicht nur die fehlende Nachtruhe, die die Altstadtbewohner*innen auf die Palme bringt.

Es sind die tagelangen großen Tourismusmärkte, die keinen Zugang zu den Wohnungen erlauben, laut sind und oft auch bis spät nachts gehen. Es ist der Müll und das Pinkeln in die Hauseingänge. Es sind die lauten Kehrmaschinen, die ab morgens um 6 Uhr durch die Straßen fahren. Und es sind die Ferienwohnungen, in denen auch Leute einkehren, die eben nicht Rücksicht auf die Nachbarschaft nehmen. Übrigens gibt es davon inzwischen ca. 80 Stück allein in der Altstadt.

Das auch sowas zu Ärger führen kann kennen wir aus Berlin, eine Stadt, die eigentlich ja für Toleranz bekannt ist. Auch dort geht die Anwohnerschaft gegen das Übermaß an Ferienwohnungen auf die Barrikaden.

Es wäre falsch, die Debatte nur auf den Punkt der Nachtruhe zu führen. Und: es sind nicht nur Studierende laut, sondern alle Menschen in Tübingen die gerne mal nachts ausgehen, unabhängig von Alter, Teil davon. Gleichzeitig sind auch viele Nicht-Tübinger*innen beteiligt, denn das Einzugsgebiet geht womöglich auch weit über den Landkreis hinaus.

Und es ist auch falsch, die Debatte verhärtet, kompromisslos und intolerant zu führen. Denn es gibt in dieser Situation nicht nur schwarz-weiß, sondern viele Schattierungen - und auch Interessen.

Menschen zum Umzug aufzufordern ist zum Beispiel keine Lösung. Klar gibt es welche, die erst vor kurzem in die Altstadt gezogen sind, denen kann zu recht gesagt werden „ihr wusstet wie die Zustände sind, selber schuld“. Aber was ist mit denen, die ihr Leben lang schon hier wohnen und die jetzt sagen „es ist einfach zu viel geworden?“ Können wir das wirklich von ihnen erwarten, den sozialen Lebensmittelpunkt woanders hinzulegen? Mal abgesehen davon sagen auch einige, sie würden ja gerne wegziehen - aber sie finden keine freien und bezahlbaren Wohnungen.

Genauso kurz greift das Argument der Anwohnerschaft, die Sperrzeiten zu verlängern. Wenn die Kneipen in der Innenstadt statt um 4 oder 5 nun um 12, 1 oder zwei schließen müssen - dann stehen eben die Leute mitten in der Nacht wieder auf der Straße statt erst am frühen Morgen.

Ansonsten sieht es mit der Subkultur eigentlich nicht ganz so düster aus in Tübingen - es gibt auch noch einige schöne Angebote, die es in anderen Städten nicht gibt. Wir genießen das Privileg, einige Hausbars in Wohnprojekten nutzen zu können die moderate Preise haben. Dank dem studentischen Leben ist auch immer wieder ein Wohnheimfest, das in der Regel nicht der Sperrzeit unterliegt - und gleiches gilt für die Hausfeste in den Wohnprojekten.

Das ist für mich eigentlich eine der größten Sorgen, wie die Zukunft für diesen Bereich aussieht. Denn in Kürze wird Herr Kaltenmark, Leiter des Ordnungsamtes, in Rente gehen. Vielen von euch ist er aus Erteilen von Auflagen bekannt - aber er ist auch dafür bekannt, dass er ein Ermöglicher und kein Verhinderer ist. Und dann stellt sich die Frage, wer danach kommt. Ist es eine Person mit harter Linie oder wird der Tübinger Weg der Toleranz und des Ermöglichens weiter geführt? Es macht doch eine wesentlichen Unterscheid ob eine Ortspolizeibehörde bei nächtlicher Ruhestörung durch Party nur die Personendaten der verantwortlichen Person aufnimmt, um die Senkung der Lautstärke bitte und dann wieder geht - oder gleich den Ton ausdreht und die Anlage konfisziert. Ziel ist doch bei diesem Thema, für alle Beteiligten eine gute Lösung zu finden, ohne dass das Nachtleben und die Subkultur sterben. Dazu gibt es einige wichtige Punkte zu bearbeiten:

1. Offene Diskussion mit allen Beteiligten, wie die unterschiedlichen Interessen in Einklang gebracht werden können. Und zwar mit allen Beteiligten: dem Handel, der Hotellerie, der Gastronomie, den Anwohnern, den Menschen, die Feiern wollen.

2. Prüfung, welche Gebäude in der Peripherie, auch als Übergangsnutzung, für die Subkultur zur Verfügung gestellt werden können, z.B. das alte Milchwerk oder auch weitere Gebäude im Schlachthof. Auch gilt es den Druck auf das Studierendenwerk aufzunehmen, die Mensen wieder als Veranstaltungsorte zur Verfügung zu stellen. Die Universität muss da auch in die Verantwortung genommen werden: Wachstum ohne sich darum zu kümmern, dass ihre Zielgruppe kulturelle Möglichkeiten nutzen kann ist einfach nur egozentrisch!

Für den Gemeinderat gilt im Besonderen:

1. Nachbesetzung der Leitung des Ordnungsamtes mit einer geeigneten Person, die den Tübinger Weg des Ermöglichens und der Toleranz weiterführt.

2. Überprüfung, ob Sperrzeiten verlängert werden können – zum Beispiel bis 6 Uhr morgens. Wenn dann soweit schon das Reinigungsfahrzeug durchfährt ist es nicht mehr so schlimm, wen ein paar lautere Nachgestalten durch die Straßen Laufen.

3. Mehr öffentliche, kommunale Toiletten bauen und betreiben

4. Überprüfung der Ferienwohnungen und Anwendung des Zweckentfremdungsverbots.

Dazu kommen sicherlich auch noch andere interessante Ideen und Anregungen. Lasst uns doch diese Debatten anstoßen und aktiv begleiten! Auf diesem Wege wünsche ich uns allen viel Erfolg und gute Lösungen!